Warum ich einen Wegwerfkugelschreiber in Ehren halte.

Erstellt von Denise |

Ich tippe recht flott auf dem Computer, aber um Gedanken zu entwickeln, brauche ich immer noch Stift und Papier. Bin halt noch aus dem letzten Jahrhundert.

Heute habe ich mal wieder diesen billigen Plastikkugelschreiber rausgekramt. Durchsichtig, ohne Druckknopf, die Mine wird mit einer blauen Kappe geschützt. Ein Pfennigartikel, den ich in Ehren halte und schon seit Ewigkeiten nutze. Man könnte den Kuli für gewöhnlich halten, aber mir zaubert er immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Ich habe mir diesen Kugelschreiber nämlich ertauscht.

 

Es ist schon ein eine Weile her. Es ist Sommer, ich sitze morgens vor einem Termin auf einer Bank im Köllnischen Park. Ich bin überpünktlich und habe noch Zeit durchzuatmen und genieße die Kühle und Ruhe zu Beginn des Tages. Drei Kinder kommen auf mich zu, zwei Mädchen, ein Junge. Grundschüler, so um die zehn, elf Jahre alt. Sie stellen sich artig vor: Sie seien Schüler der Soundso-Schule und müssten heute verschiedene Aufgaben lösen. Unter anderem sollen sie Gegenstände tauschen. Sie können eine Wäscheklammer und einen Kugelschreiber bieten (genau, den Kugelschreiber). Ob ich irgendetwas zum Tauschen übrig hätte, er müsse nichts Wertvolles sein.

 

Dummerweise habe ich an dem Tag nicht meine riesige Fahrradtasche dabei, in deren Untiefen ich garantiert etwas gefunden hätte. Ich habe mir gerade einen sehr kleinen Rucksack gekauft, in den nur noch die Dinge passen, die ich wirklich ausnahmslos brauche. Das erkläre ich den Kindern auch so. Ich grüble und dann fällt mir mein Not-Tampon ein.

 

Ich zücke den Tampon: „Hier, den kann ich entbehren“. Die drei gucken den Tampon konsterniert an. Sie hassen es jetzt schon, dass sie mich gefragt haben. Mir waren Tampons noch bis in meine späten Zwanziger peinlich. Die drei trauen sich aber auch nicht, einen Rückzieher zu machen. Sie müssen die Sache jetzt durchziehen. Eins von den Mädchen will mir die Wäscheklammer andrehen, damit die drei keinen komplett desaströsen Deal machen. Aber ich sage freundlich, dass ich lieber den Kugelschreiber eintauschen möchte. Tampon und Kugelschreiber wechseln also die Besitzer. Die Kinder suchen zügig das Weite. „Na toll!“, höre ich den Jungen im Weggehen noch sagen

 

Es ist so schön, dass alt werden nicht nur körperlichen Verfall bedeutet. Es ist schön, dass es mir nicht mehr so wichtig ist, ob mich andere für ein kapitales Arschloch halten. Es ist schön, eine Art Autorität zu haben. Und es ist schön, dass ich mich nicht mehr geniere, wenn ich gepresste Watte in Zellophanfolie sehe.

 

Wer jetzt damit kommt, dass ich gemein zu den Kindern gewesen bin: Ich bin mir sicher, dass sie keinen bleibenden Schaden davon getragen haben. Die drei wirkten smart und ich erwarte, dass ihnen im Nachhinein viele gute Antworten eingefallen sind, die sie parat haben, wenn sie das nächste Mal in eine Situation geraten, die sie beenden oder zu ihren Gunsten wenden wollen.

 

Stay tuned.

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