Die Welt braucht noch einen Mutterblog. Dringend.

Erstellt von Denise |

Warum blogge ich eigentlich nicht? Alle Welt bloggt. Ich bin schon mehrfach angesprochen worden, warum ich denn nicht auch blogge. Eine sehr berechtigte Frage. Ich habe einen, milde ausgedrückt, sehr starken Mitteilungsdrang und Kommentierzwang. 

Aber ob das reicht? Ich weiß, diese Frage stellen sich viele bloggende Menschen nicht, obwohl sie sich diese Frage dringend stellen sollten. Denn für einen Blog gilt das, was ich zum Milleniumswechsel in einer Zeitung zum Thema Internet gelesen habe: „Ich habe jetzt eine Internetseite“ reicht nicht als Inhalt für eine Internetseite.

 

Dabei habe ich sogar ein Thema: Ich bin seit über vier Jahren Mutter einer famosen Tochter. Das wäre doch DIE Gelegenheit, den Rest der zivilisierten Welt mit meiner Sicht zum Thema Kind und Mutterschaft zu beglücken. Eine ungemein originelle Idee, auf die bislang kaum andere Frauen gekommen sind.

Meine Kleine soll frühzeitig zulernen, dass sich die Welt nicht nur um sie dreht.

Also setze ich mich hin und gehe auf Themensuche ... und mir fällt nichts ein. Ich erlebe in meinem Alltag einfach zu wenig Aufreger, die den Bericht lohnen. Mein Kind ist mit 9 Monaten in die Krippe gekommen. Tja, bei meinen Freundinnen mit Kind bzw. Kindern war das ähnlich. Die bösen Blicke, die eine Mutter dafür kassiert, wenn sie vor dem klassischen Kindergartenalter ihr Kind von anderen Menschen betreuen lässt, kenne ich nur vom Hörensagen von Frauen aus Westdeutschland oder aus einschlägigen Internetforen, die von Besser-Müttern und Wahnsinnigen dominiert werden. In Berlin zuckt da niemand. Schon gar nicht im sozialen Brennpunkt Moabit. Jedes Kind, das hier früh fremd betreut wird, ist ein Problem weniger im Bezirk. Ja, ja, da hebt die schnöselige Akademikerin in mir ihr hässliches Haupt. Aber immerhin ist mir auch bewusst, dass es meiner Kleinen gut tut, frühzeitig zu lernen, dass sich die Welt nicht nur um sie und zuckerarme Dinkelkekse dreht.

Über Flaschenkinder mokiert sich in Moabit niemand.

Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass ich doof angeguckt wurde, wenn ich in der Öffentlichkeit gestillt habe. Obwohl, vielleicht war ich einfach nur zu ignorant, um solche Blicke wahrzunehmen? Gab es da nicht in mir meine letzter Beziehung Vorwürfe in der Art? („Du hast die Sensibilität eines Mühlsteins!“). Nicht dass da am Ende doch etwas dran war. Egal, das Ergebnis bleibt das Gleiche: Kein Stress für mich als Mutter. Über Flaschenkinder mokiert sich hier erst recht niemand. In Ökospießer-Vierteln wie Kreuz- oder Prenzelberg sähe das anders aus, aber in Moabit könnte ich mit Kippe auf der Unterlippe sitzen und mein Kleinkind mit Red Bull abfüllen und der einzige Kommentar, den ich erwarten würde, ginge so in die Richtung: „Mein Kleiner mag am liebsten Monster Zitrone“. Oder, wie damals der Vater zu seinem Kleinkind sagte, das er gerade mit Pommes gefüttert hat: „Ess ma, schmeckt wie Schips.“

Mein im Second-Hand-Laden eingekleidetes Kind gehört mit zum Shabby Chic des Kiezes.

Allerdings sehe ich am Horizont endlich dunkle Wolken und Konfliktpotential aufziehen, über die sich das aufregen lohnen könnte: Die Gentrifizierung (natürlich, was sonst?). Weil die schicken Ökoviertel in der Stadt inzwischen selbst den Stuttgartern zu fade sind, wird vermehrt in Moabit Eigentum gekauft, hier weht noch ein Rest Ghettocharme durch die Straßen. Diese Entwicklung spült Mütter nach Moabit, die beim Anblick Chips essender Kinder genau wie ich Blogtexte formulieren und sich für das Maß aller Dinge halten (dabei bin ich das doch!). Und für dich ich mit meinem im Second-Hand-Laden eingekleideten Kind wahrscheinlich mit zum Shabby Chic des Kiezes gehöre.

 

Und tatsächlich werde ich vor einiger Zeit (zum allerersten Mal als Mutter) im Bio-Supermarkt von einer wildfremden Frau belehrt, wie ich mit meinem Kind umzugehen hätte. Sie kenne sich aus mit Kindern. Ich bin zu baff, um zu fragen, wie sie darauf kommt, dass sie nach einer Minute mich und mein Kind richtig einschätzen kann. Aber immerhin schaffe ich es, so streng „Dankeschön“ zu bellen, dass es nach einer Drohung klingt. Gewöhn dich an den Tonfall im Ghetto, Schwester!

 

 

Stay tuned.

 

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