Das Tortendilemma

Erstellt von Denise |

Ich werde von einem Stück Schokoladentorte verfolgt, nachdem ich von einem Anfall von Disziplin heimgesucht worden bin.

Aber der Reihe nach: Eine Freundin und ich haben uns mal wieder zum Mittagessen getroffen. Traditionell zahlt eine das Essen, die andere Kaffee und Kuchen danach. Da wir uns dieses Mal im schönen Moabit treffen, geht das Essen in der Markthalle auf mich, der Kuchen im nahe gelegenen Café auf sie. Ich überlege mir immer sehr genau, welchen Kuchen ich essen will. Nicht jeder ist es wert, dass ich den Wechsel in die nächste Kleidergröße riskiere. Meine Freundin und ich stehen also lange vor der Vitrine des Cafés und debattieren über die verschiedenen Kuchen und Torten. Nach reiflichem überlegen und abwägen entscheide ich mich für die Torte mit weißer Mousse au Chocolat und Aprikosen. Sie sieht unerhört fluffig aus und scheint frisch angeschnitten zu sein, obendrein haben die Stücke eine amtliche Größe. Oh ja, ich bin bereit für die Sünde.

Meine zahlreichen Besuche in den Karstadt-Cafeterias der Stadt,
haben mein Verhältnis zu Service und Kaffeehauskultur wohl nachhaltig zerrüttet.

Dummerweise legt man in diesem Café enorm großen Wert darauf, dass die Gäste an ihrem Tisch sitzen, wenn sie bestellen. Einfach in der Auslage Kuchen sichten, die guten Vorsätze eine Runde um den Block schicken und gleich einen Kaffee dazu bestellen, wird hier höchst ungern gesehen. In der Regel kassiert man sogar eine Belehrung durch das Personal (Willkommen in Preußen!), nicht an der Theke zu bestellen und doch bitte Platz zu nehmen. Ich nehme an, dass soll irgendwie besonders fein und kultiviert wirken, aber ich finde es einfach nur umständlich. Ich will allerdings nicht ausschließen, dass mein Verhältnis zu Service und Kaffeehauskultur nach meinen zahlreichen Besuchen in den Karstadt-Cafeterias der Stadt nachhaltig zerrüttet ist. Aber in diesem Fall ist diese Kuchen-order-Politik geradezu geschäftsschädigend.

Es geht schneller, sich 200 Kalorien zu verkneifen, als diese wieder abzutrainieren.

Denn als wir brav am Tisch sitzen und meine Freundin als erstes ihre Bestellung aufgeben will, gibt es ein Missverständnis, welchen Käsekuchen sie haben möchte. Sie also mit der Kellnerin zurück an die Vitrine, kurzes Palaver über die Zutaten. Dann vielleicht doch die Schokoladentarte ... Ist die mit Zartbitter? Die Kellnerin erläutert freundlich jedes Gebäck und das gibt mir Gelegenheit, noch einmal nachzudenken. Über die Torte. Die Sahne. Die Mousse. Und die weiße Schokolade. Ich habe so viel Zeit, dass mir ein Artikel rund ums Thema „Abnehmen ohne Diät“ in den Sinn kommt, wo ich den spontan einleuchtenden Satz gelesen habe, dass es sehr viel schneller geht, sich 200 Kalorien zu verkneifen, als die 200 Kalorien wieder abzutrainieren.

 

Wenn ich mich recht entsinne, hatte das Laufband, auf dem ich vor einigen Jahren den Winter über trainiert habe, behauptet, dass ich in 25 Minuten bummelig 180 Kalorien verbrannt habe. Für dieses Tortenstück wäre also grob geschätzt eine knappe Stunde joggen fällig. Aber ich kann mich nicht einmal mehr daran erinnern, wann ich mich das letzte Mal so lange am Stück bewegt habe. Die weiße Schokolade lockt, aber die Stimme der Vernunft hat einfach zu viel Zeit, Argumente zu sammeln. Irgendwie hoffe ich, dass mich die Kellnerin endlich anspricht, bevor ich auch noch an meine Cholesterinwerte denke. Aber der Unterschied zwischen dem Käsekuchen und dem New York Cheesecake muss erst noch erklärt werden.

Ohne Futterneid schaue ich meiner Freundin dabei zu, wie sie ihre Schokoladentarte verputzt.

Tja, und als ich dann an der Reihe mit meiner Bestellung bin, höre ich mich sagen: Ich nehme nur einen Kaffee. In dem Moment bin ich schwer zufrieden, dass ich mir das Stück Torte verkneife. Und dass ich ohne Futterneid meiner Freundin dabei zuschaue, wie sie genüsslich ihre Schokoladentarte verputzt, lässt meinen Stolz noch ein bisschen mehr anschwellen.

Gegen Abend beginnen die Zweifel an mir zu nagen, ob das wirklich eine gute Entscheidung war.

Doch dann, gegen Abend, auf dem Weg vom Spielplatz nach Hause, beginnen die Zweifel an mir zu nagen, ob das wirklich eine gute Entscheidung war. Was wäre, wenn mir jetzt hier mitten auf dem Bürgersteig ein Dachziegel auf dem Kopf fallen und mich erschlagen würde – würde ich im letzten Atemzug womöglich denken: Mensch, hättste dir doch bloß was gegönnt! Oder: Mensch, stirbste doch nicht am Schlaganfall! Oder eher: Mensch, so diszipliniert und trotzdem tot!

 

Ich stecke seitdem in dem Dilemma, dass man jeden Tag so leben soll, als wäre er der letzte. Aber dass dann doch noch erfahrungsgemäß ein paar Tage mehr dazukommen, und mit Blick auf die will ich leidlich mein Kampfgewicht halten und die Arteriosklerose ein bisschen auf später vertagen. Alles nicht so einfach. Mein aktueller Kompromissvorschlag an mich selbst: Demnächst werde ich noch mal in das besagte Café gehen, ganz anarchisch am Tresen bestellen und mir ein feistes Stück Torte gönnen. Aber nicht als Dessert, sondern zum Mittag. Und den Nachtisch werde ich mir dann wieder verkneifen.

 

Stay tuned.

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